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Annette Albinus
Gründerin
Handwerkerinnenagentur Perle
„Ich bin in erster Linie Mutter und in zweiter Linie Unternehmerin – diese Prioritätensetzung für die Familie lässt sich für mich als Dienstleisterin im Handwerk nach wie vor am besten in der Selbstständigkeit umsetzen“
1999 gründete die Tischlerin Annette Albinus mit 31 Jahren gemeinsam mit einer Kollegin in Hamburg die Handwerkerinnenagentur Perle, um Beruf und Familienleben besser miteinander verbinden zu können / Eines ihrer großen Anliegen: Die Erreichbarkeit von Frauen im Handwerk zu erleichtern und sie ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.
Frauen im Handwerk sind heute keine Seltenheit mehr – in der Branche liegt der Frauenanteil unter den Beschäftigten bereits bei rund 30 Prozent. Das war nicht immer so. Wenn die Tischlerin Annette Albinus von ihren frühen Berufsjahren erzählt, hat sie so manche kuriose Anekdote parat. Als sie in den späten achtziger Jahren nach der mittleren Reife einen Ausbildungsplatz als Tischlergesellin sucht, ist das ein aussichtsloses Unterfangen. „Die Branche war auf Frauen nicht wirklich eingestellt. Viele Betriebe zogen sich aus der Affäre und argumentierten, dass sie, weil sie keine separaten Toiletten und Umkleideräume hätten, keine Frauen einstellen könnten“, erzählt die Handwerkerin. Doch in der 17-Jährigen war die Liebe zur Tischlerei bereits entfacht: „In meiner Kindheit kaufte mein Vater eine heruntergekommene Scheune, die er über Jahre wieder in Stand gesetzt hat, und da haben ich und meine Geschwister natürlich mitgewerkelt.“ Die Möglichkeiten, mit den eigenen Fähigkeiten etwas Greifbares umzusetzen und der eigenen Kreativität Ausdruck zu verleihen, spornen die Teenagerin an, sich gegen alle äußeren Widerstände im Traumberuf durchzusetzen und so nimmt sie das Angebot an, ihre Ausbildung in einer überbetrieblichen Maßnahme zu absolvieren, die eigentlich für schwererziehbare Jugendliche gedacht ist. „Ich bin da zunächst reingerutscht und musste mir ein dickes Fell zulegen, aber der Wille macht den Weg frei und man schafft sich seinen Raum“, sagt sie heute über den eher ungewöhnlichen Berufseinstieg und schmunzelt. Nach der Lehre engagiert sie sich beim Aufbau eines Handwerkerkollektivs, in dem hauptsächlich Frauen angestellt sind und in dem eine Meisterin das Sagen hat: „Das war eine bewegte Zeit, denn wir haben versucht, neue Strukturen zu schaffen und hatten auch einen politischen Anspruch.“
Mütter im Handwerk? Am besten im eigenen Unternehmen!
Ende der neunziger Jahre, Annette Albinus ist inzwischen Mutter geworden, sucht die Tischlerin nach neuen beruflichen Perspektiven. Als Alleinerziehende, die nach der Auflösung des Kollektivs arbeitslos ist, hat sie keine Chance auf eine neue Anstellung. Mit ihrer Tischler-Kollegin und besten Freundin Astrid Bah, die inzwischen ebenfalls Nachwuchs hat und sich ein Familien-kompatibles Arbeitsarrangement wünscht, brütet sie deshalb über einer neuen Geschäftsidee. „Die Erfahrungen im Handwerkerkollektiv hatten gezeigt, dass es am Markt großen Bedarf für Handwerkerinnen gibt. Unsere weiblichen Auftraggeber waren seinerzeit immer hochzufrieden und so haben wir uns entschlossen, eine Agentur für die Vermittlung von Handwerkerinnen zu gründen“, erzählt die Agenturchefin. Bei Frau und Arbeit e.V., heute auch als Regionalverantwortliche für Hamburg der bundesweiten gründerinnenagentur tätig, finden die beiden Tischlerinnen in Gila Otto eine Ansprechpartnerin mit offenem Ohr und guten Kontakten. Sie verweist die angehenden Gründerinnen an den Verein Berufliche Autonomie für Frauen (BAFF), der sich auch im Bereich Handwerk engagiert und von der Stadt Hamburg, der Arbeitsagentur und aus EU-Mitteln finanziert wird. Die Handwerkerinnen konzipieren ihre Agenturidee als Projekt und werden für zwei Jahre in ein Förderprogramm aufgenommen, das in der Aufbauphase ihren Lebensunterhalt sicherstellt.
„Die bundesweite gründerinnenagentur als einziges bundesweites Service- und Kompetenzzentrum zur unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen über alle Branchen und Phasen der Existenzgründung steht Frauen in allen Stadien des Unternehmensaufbaus als kompetente Ansprechpartnerin zur Seite. Mit Regionalverantwortlichen in allen Bundesländern helfen wir Gründerinnen dabei, ihre Geschäftsideen zu planen und zu realisieren. Gerade im Handwerk schöpfen Frauen ihre Möglichkeiten im Hinblick auf eine Selbstständigkeit noch längst nicht aus, denn sie stellen zwar 30 Prozent der angestellten Handwerkerinnen, aber lediglich 25 Prozent der Selbstständigen. Unser Anliegen ist es, Handwerkerinnen für die Chancen, die im Unternehmertum liegen, zu sensibilisieren und sie bei den ersten Schritten dorthin zu begleiten“, so Iris Kronenbitter, Projektleiterin der bundesweiten gründerinnenagentur (bga).
Mit kompetenter Beratung zum notwendigen Business-Know-how
Handwerkliches Geschick ist eine Sache, ein Unternehmen aufzubauen eine ganz andere, und so nutzen die beiden Tischlerinnen alle interessanten Weiterbildungsangebote, die sie bekommen können, als sie im Dezember 1999 in Hamburg die Handwerkerinnenagentur Perle eröffnen. „Wir kamen direkt von der Hobelbank und wussten wenig über Geschäftsführung oder auch rechtliche Rahmenbedingungen. Von der BAFF haben wir im Zuge des Projekts Bildungsgutscheine im Gegenwert von 5.000 DM bekommen, die wir voll genutzt haben“, erzählt Annette Albinus. Auf ihrer Agenda stehen grundlegende Computerkenntnisse wie Excel und Word sowie Handwerks- und Vertragsrecht. Auch nutzen sie regelmäßige Unternehmensberatungen, um sich grundlegendes Business-Know-how anzueignen. „Von all den Expertinnen und Beratern haben wir eine Menge gelernt, aber mindestens genau so wichtig war auch das Learning-by-doing, denn ich bin der Ansicht, dass man als Unternehmerin auch seinen eigenen Weg finden muss und erkennen sollte, was man selbst wirklich will“, findet die heute 42-Jährige.
„Fachliche Expertise ist eine wichtige Basis für eine Unternehmensgründung, mindestens genauso wichtig ist aber auch das betriebswirtschaftliche Wissen. Im Netzwerk der bundesweiten gründerinnenagentur engagieren sich mehr als 1.700 Expertinnen und Experten der Gründungsförderung und -beratung, die Gründerinnen in allen Fragen rund um den Unternehmensaufbau beraten und sie bei der Entwicklung der notwendigen unternehmerischen Fähigkeiten unterstützen“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.
Eine Marktlücke wird zum Erfolg
Der Start der Handwerkerinnenagentur Perle verläuft klein, aber fein. Annette Albinus und Astrid Bah mobilisieren über ihre Branchennetzwerke erste Handwerkerinnen, mit denen sie gemeinsam Qualitätsstandards festlegen und Kooperationsverträge schließen. „Uns waren Kompetenz, ein freundlicher Umgang und gute Kommunikation wichtig“, erklärt Albinus. Grundlage für die Zusammenarbeit ist die Selbstständigkeit der Handwerkerinnen. Diejenigen, die keinen Meister haben, aber dem Meisterzwang unterliegen (eine Novelle der Handwerksordnung im Jahr 2004 hat die diesbezüglichen Anforderungen gelockert), müssen eine offizielle Ausnahmebewilligung vorlegen. „Ein Meister ist nicht automatisch ein Garant für gute Arbeit, aber man muss wissen, was die Handwerkerinnen können“, sagt die Agenturinhaberin, die sich als Vermittlerin zwischen Kunden und Auftragnehmern sieht. Für jeden vermittelten Auftrag erhält die Agentur von den Handwerkerinnen eine Provision.
Die Gründerinnen werben mit Anzeigen und Flyern und gewinnen schnell erste Kunden. Vor allem Frauen werden von dem Angebot angesprochen, fühlen sie sich von männlichen Handwerkern doch häufig nicht wirklich Ernst genommen. Ein Artikel im Hamburger Abendblatt mit dem Titel „Diese Frauen haben’s drauf“ und weitere Medienberichte bringen den beiden Tischlerinnen, die die Werkstatt gegen ein Büro getauscht haben, weiteren Zulauf. „Danach haben uns Kundinnen und Handwerkerinnen die Bude eingerannt“, erzählt Annette Albinus nicht ohne Stolz.
„Da das Handwerk noch immer eine Männerdomäne ist, können Frauen hier mit spezifischen Angeboten gezielt Marktlücken besetzen, denn nicht nur die fachliche Leistung, sondern auch Aspekte wie der Umgang mit Kunden und die Fähigkeit, sich auf deren spezielle Bedürfnisse einzustellen, sind wichtige Alleinstellungsmerkmale, die einen längerfristigen Unternehmenserfolg unterstützen“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.
Teamgründung bringt positive Synergien
Die Gründung im Team erweist sich in den Anfangsjahren als Glücksfall. „Alleine hätte ich die Agentur sicherlich nicht ins Leben gerufen, denn ich bin ein Teammensch und werkele nicht gerne alleine vor mich hin“, sagt Annette Albinus. Die Freundinnen agieren einerseits als Mädchen für alles, wenn sie – um genügend Zeit für Kinder und Familie zu haben – teils abwechselnd im Büro sind, und verteilen die Aufgaben ansonsten nach Neigung: „Astrid Bah hat sich mehr um die Buchhaltung und die interne Organisation gekümmert, während ich die Agentur mehr nach außen vertreten und Kontakte zu den Medien geknüpft habe.“ 2007 trennen sich die geschäftlichen Wege, weil Astrid Bah beruflich einen anderen Weg einschlagen möchte. „Ich bin in dieser Zeit in Aufgaben hineingewachsen, die mir vorher nicht so gelegen haben“, erzählt Annette Albinus. Da sie sich nach wie vor nicht als Alleinkämpferin sieht, nimmt sie sich eine Unternehmensberaterin, in der sie eine Sparringpartnerin für den regelmäßigen inhaltlichen Austausch über die weitere Geschäftsentwicklung findet: „Ich bin ein Fan von Netzwerken, denn man kann einerseits eigenständig arbeiten, aber ist nicht auf sich zurückgeworfen.“
„Die Gründung im Team kann es erleichtern, die verschiedenen Aufgaben, die in einem Unternehmen anfallen, durch unterschiedliche Qualifikationsprofile abzudecken. Und in Unternehmerinnennetzwerken finden Gründerinnen Ansprechpartnerinnen für den Erfahrungsaustausch, so dass sie von den Erkenntnissen anderer Geschäftsfrauen profitieren können. Auf dem Onlineportal der bundesweiten gründerinnenagentur finden sich über 300 Organisationen und Netzwerke, denen sich Unternehmerinnen anschließen können“, so bga-Projektleiterin Iris Kronenbitter.
Von der Gründerin zum Sprachrohr einer Branche
Im elften Jahr nach der Gründung ist die Handwerkerinnenagentur Perle in Hamburg längst zur Institution geworden, die kaum Wünsche offen lässt. „Von der Architektur bis zur Zimmerei haben wir alles im Portfolio. Ob es um Bauhauptgewerke wie Elektrik, Malerei oder Tischlerei geht oder um Restaurierungen oder Vergoldungen – in meiner Kartei gibt es für fast jeden Auftrag die passende Handwerkerin“, sagt die Unternehmerin. Das hat sich auch bei den männlichen Kunden herumgesprochen. Kamen in den Anfangstagen die Anfragen an die Agentur mehrheitlich von Frauen, sind heute 50 Prozent der Auftraggeber Männer.
Die Hobelbank gegen einen Schreibtisch getauscht zu haben, bereut die 42-Jährige nicht: „Ich finde die Selbstständigkeit super und kann hier wirklich etwas bewegen. Außerdem erlauben mir meine Bürozeiten es, genügend Zeit für meine beiden Kinder zu haben.“ Längst hat sie den Mann fürs Leben gefunden und muss nicht mehr alleine für die Familie sorgen, an ihrer ursprünglichen Prioritätensetzung hält sie indes weiter fest: „Ich bin in erster Linie Mutter und erst in zweiter Linie Unternehmerin.“ Die Agentur ermöglicht es ihr, diese Balance aufrechtzuerhalten, ohne beruflich Abstriche machen zu müssen: „Gerade bei größeren Aufträgen haben es Handwerkerinnen mit Kindern schwer, denn manche Auftraggeber geben enge zeitliche Limits vor. Als Selbstständige ist es hilfreich, wenn man sich ein soziales Netz aufgebaut hat, das solche Engpässe auffangen kann. Es gibt aber auch Kunden, für die es völlig in Ordnung ist, wenn eine Malerin, die Kinder hat, nur bis zum frühen Nachmittag arbeitet.“
Zu diesem Einstellungswandel hat auch Annette Albinus nicht unwesentlich beigetragen, denn sie versteht sich nicht nur als Unternehmerin in eigener Sache, sondern auch als Sprachrohr der Frauen im Handwerk. Mit Vorträgen und Auftritten bei Veranstaltungen will sie ihre Branchenkolleginnen für die Chancen der Selbstständigkeit sensibilisieren und nimmt eine Vorbildrolle ein. „Frauen im Handwerk haben sich längst zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt, während wir früher noch ein eher kämpferisches Völkchen waren. Aber die Selbstständigkeit hat in Deutschland nach wie vor kein gutes Image. Ein eigenes Unternehmen zu haben, ist zwar auch ein Auf und Ab, aber dafür kann man alles selbst gestalten“, sagt die gelernte Tischlerin voller Überzeugung. Gemeinsam mit einer Unternehmensberaterin hat sie eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die Handwerkerinnen mit dem Motto „Besser werden – Neues wagen“ ermutigt, im Beruf ihren eigenen Weg zu gehen – der sie vielleicht, so wie Annette Albinus, schließlich zum eigenen Unternehmen führt. „Meine Vision für die nächsten Jahre ist es, viel mehr Handwerkerinnenagenturen im gesamten Bundesgebiet anzuschieben und aufzubauen. Der Bedarf und die Nachfrage sind groß. Wer, wenn nicht wir, und wann, wenn nicht jetzt!“
Zur Unternehmenswebsite: www.perle-hh.de
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